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fliegermagazin: Touch and Go in Hildesheim
Rolf Stünkel - Touch and Go fliegermagazin 9/2005 Hildesheim EDVM
Der Verkehrslandeplatz Hildesheim EDVM
Position:
52 10.8 N, 009 56.8E
Höhe:
293ft MSL
Frequenz:
Info 118,30 Mhz, Bremen Information 119.825 Mhz
Bahnen:
Landerichtung 07/25 / Asphaltbahn 1.100 m
Betriebszeiten (loc):
PPR: 10:00 - ss, max. 20:00 Uhr
Zugelassen für:
Flugzeuge bis 5700 kg, Hubschrauber, Selbststartende Motorsegler, Segelflugzeuge, Ultraleichtflugzeuge, Luftschiffe, bemannte Freiballone
Landegebühren:
UL 5,-, Flugzeuge ab 7,- Euro
Aero-Club Hildesheim-Hannover, Telefon:
05121/53006, Fax: 05121/53001.
http://www.ac-hildesheim.de/
Betreiber:
Flugplatz Hildesheim GmbH, Tel. 05121/301693,
E-Mail
flugplatzhildesheim@freenet.de
Kraftstoff:
JET A-1, AVGAS 100 LL, MOGAS; ölsorten: 80 EE, 100 EE
Zoll:
nein
Hangar:
o/R
Flugzeugwerft:
Tel: 05121-7496650, Mobil 01724574568
Flugschulen:
Trike/UL/ATPL, Info über Flugplatz GmbH
Restaurant:
Airport Inn im Tower, Geöffnet Mo.-Sa.; Aeroclub-Kantine
Hotel:
Le Meridien, Marktplatz Hildesheim, Tel. 05121-3000
So kommt man hin:
Ein mächtiger weisser Kaliberg im Norden weist den Weg: der Flugplatz Hildesheim am nördlichen Stadtrand ist leicht zu finden. Einfach der Autobahn A 7 folgen und in die 1200-ft-Nordplatzrunde einfädeln; das Gelände ist flach. Benachbarte kleinere Ortschaften sollten gemieden werden. Funkhilfen: DVOR "Leine" (DLE, 115,20 MHZ), 2 NM nördlich des Gegenanfluges 5 NM bis zum Platz. Auf der VOR läuft die ATIS des Nachbarplatzes Hannover (EDDV).
Sehenswertes und Aktivitäten
- Der Hildesheimer Dom (erbaut 872), UNESCO-Weltkulturgut
- Knochenhaueramtshaus mit Stadtmuseum (Anno 1592, wiederentstanden Ende der 1980er Jahre), gilt als schönstes Fachwerkhaus der Welt.
- St. Michael (erbaut 1010 bis 1030), frühromanische Kirche, UNESCO-Weltkulturgut mit berühmter Holzdecke aus dem 13. Jahrhundert
- Roemer- und Pelizaeus-Museum, bedeutende Altägypten- und Alt-Peru-Sammlungen
- Sport und Freizeit: Hohnsensee, Naherholungsgebiet mitten in der Stadt, künstlich angelegt auf 26.700 Quadratmetern mit Strandbad;
- Kanustützpunkt, Telefon: 05121-133983 .Wildwasser und Hindernisparcours mit Kanu-Slalom-Strecke auf der Innerste. http://www.kanuzentrum.de
- Sport- und Freizeithallenbad "Wasser-Paradies" , Telefon: 05121-15070
Schöne Stadt an der Innerste
"Hildesheim... zwischen Frankfurt und Kaiserslautern?", rätseln Auswärtige. Kein Wunder: im Rhein-Main-Gebiet enden bekanntlich viele Ortsnamen auf -heim. Hildesheim liegt aber nicht in "Hesse", sondern in Niedersachsen, gleich südlich von Hannover. Eine Mini-Grossstadt mit knapp über 100.000 Einwohnern, doch was für eine! Hier gibt«s Weltkulturerbe-Bauten, Hochschulen, eines der bedeutendsten Museen der Welt, alte Kirchen - Kultur pur!
Niedersächsisches Understatement lässt solche Superlative gewöhnlich unter den Tisch fallen. Ein bescheidenes Schild an der Autobahn zum Weltkulturerbe ist alles - andere Städte wären schon froh, nur halb so eine Vergangenheit zu haben. Seit Ludwig der Fromme Anno 815 die Marienkirche baute, ist Hildesheim auf Erfolgskurs. Bischofssitz, Hansestadt, Skulpturkunst- und Bauzentrum, Goldschmiede-und Schreibkunst-Mekka - die Stadt sammelt Titel wie Michael Schumacher. Zu lesen ist alles seit 1617 in einer der ersten deutschen Zeitungen. Grosse Teile der schönen Fachwerk-Altstadt, im 2. Weltkrieg zerstört, sind wieder aufgebaut. Besonders sehenswert sind der Marktplatz und das weltberühmte Knochenhauer-Amtshaus (mit Heimatmuseum) aus dem Jahre 1529. Ein paar Schritte entfernt rankt der oft fotografierte "tausendjährige" Rosenstock, dessen Wurzeln sogar die Kriegsbomben überstanden. Hildesheim bietet viel Kultur, aber auch Parks und Badeseen, Wander- und Radwege. Natürlich findet man auch Shopping und gutes Essen, Ehrensache bei so vielen anspruchsvollen Touristen.
Wettergegerbten Küstenmenschen fällt das milde Hildesheimer Klima auf. Die Stadt liegt umgeben von sanften Hügeln an den Ausläufern des Harzvorlandes. Wer Abkühlung braucht, badet im Hohnsensee, Müggelsee oder im Freibad "Jo(hannis)wiese". Ganz Mutige trainieren das Kajak-Wildwasserfahren auf der Innerste.
Fliegen in Hildesheim
Im Juni des Titanic-Schicksalsjahrs 1912 holpert eine Etrich-Rumpler-"Taube" auf den Hildesheimer Innerste-Wiesen aus. Der 50-PS-Flieger hat kühn geschwungene Flächen wie ein Vogel, macht satte 100 Kilometer pro Stunde Reise und wiegt an die 780 Kilo - ein Verkaufsschlager. Hildesheims erste Landung, und dann so ein Flugzeug! Die Bürger sind begeistert, denn bisher gab«s nur einen Ballonverein. Viele Jahre lang starten und landen Flugzeuge am Ufer der Innerste, bis die Hildesheimer auch einen "richtigen" Flugplatz wollen. Im Sommer 1927 ist es soweit - nördlich der Stadt, genau am heutigen Ort, weiht man ein schmuckes Landefeld ein. Der Hildesheimer Grasplatz schafft, wovon viele Airports heute nur träumen - er wird Lufthansa-Station zwischen Berlin und Venedig. So brummen Linienmaschinen über den ehrwürdigen Bischofssitz, tummeln sich Segelflieger am nahen Osterberg. 1936, im Jahr der Berliner Olympischen Spiele, macht man den Mini-Airport zum Fliegerhorst. Hildesheim bekommt Luftlande-Einheiten und eine Bildschule.
Die Anlagen überstehen den Krieg fast unversehrt. Nach dem Zusammenbruch haben Deutsche Flugverbot, aber die englischen Besatzungstruppen zeigen Verständnis: 1950 entsteht ein neuer Aero-Club, voller Optimismus baut man wieder Segelflugzeuge. 1954 ist Flugtag, und ein Jahr später dreht das erste Vereins-Motorflugzeug, eine "Auster", Ehrenrunden über die Stadt. 1958 wird die Flughafen-GmbH gegründet, neue Hallen entstehen. Dann kommt wieder Militär: erst deutsche Heereshubschrauber, ab 1979 britische Helikopter des 1. Army Air Corps. Die Briten schliessen mit den deutschen Clubfliegern einen Vertrag über "Sportflüge", der für beide Seiten zufriedenstellend klappt. 1993 wird das Gelände wieder ganz zivil, ist Sonderlandeplatz mit Gewerbegebiet. Das klingt nach schleichendem Verfall, doch clevere Köpfe ergreifen die Chance, auf dem gut erhaltenen Kasernengebiet eine Werft und Flugschulen anzusiedeln. Schon bald verdreifachen sich die Flugbewegungen. Heute sind es 20.000 pro Jahr, der früher verschlafen wirkende "Grasplatz mit Kaserne" hat eine feste Bahn mit Rollweg. Alle Gebäude sind frisch gestrichen und bestens in Schuss. So nutzt man "überflüssige" Militärflugplätze richtig - ohne ständig einfallslos Messehallen, Baumärkte und Wohnblocks mitten auf die Startbahnen zu klotzen.
Klemens Wirries (48) zieht die Cessna-Tür zu. Draussen herrscht Affenhitze, und wir freuen uns auf einen Sprung in kühlere Luftschichten. Der bärtige Hildesheimer macht ein verschmitztes Gesicht. "Wir haben hier eine tolle Platzrunde, wollen wir die mal abfliegen?" Leise Ironie in der Stimme verrät: hier ist Lärmschutz angesagt. Auf geht«s: kurz nach dem Abheben von der Zwo-Fünf legt Klemens eine Rechtskurve ein. "Auf dem Tower hängt eine Karte mit krachempfindlichen Punkten", winkt er ab, "es ist halb so schlimm." Hildesheim hat Platz und ist ausnahmsweise nicht ganz von Neubaugebieten umschlossen. So brummen wir bei wolkenlosem Himmel über viel Grün und Wasser einmal um die schöne Altstadt. Hildesheim ist nicht allzu gross, die ersten Harz-Hügel sind nicht weit. "Im Sommer ist es manchmal ganz schön heiss, da herrscht Thermik", verrät Wirries. Heute - trotz tropischer Sonne und bei über dreissig Grad im Schatten - liegt die Cessna wie ein Brett. Auf dem Hohnsensee schippern allerlei Boote, im Johanniswiese-Freibad und am Ufer der Innerste sieht man Menschen wie Ameisen umherkrabbeln. Von oben ist zu erkennen, wie See, Fluss und Bahnlinie die Stadt aufteilen: da gibt es das wieder aufgebaute Zentrum voller Fachwerk und altem Gemäuer, schattige Alleen und Villen und weiter ausserhalb gepflegte Neubaugebiete. Orte wie Hildesheim landen bei Lebensqualität-Umfragen auf den vorderen Plätzen.
Eine Ehrenrunde im Norden des Flugplatzes, der Anflug von Osten ist frei. Wiesen und Felder, ein paar kleine Dörfer; dann kommt schon die A 7 und gleich dahinter die Bahn Zwo-.Fünf. Merkwürdig: von hier wirkt die 1100m-Piste glatt doppelt so gross, der "massstabsgerechte" Abstand zum Rollweg sorgt für eine optische Täuschung. Alles sieht eher wie ein kleiner Regionalflughafen aus.
Unsere Cessna landet butterweich auf der Zwo-Fünf. "An der anderen Seite gibt«s öfters Verwirbelungen", da kann es schon mal rumpeln", schmunzelt unser Pilot. "Vor der Schwelle sind Fluss und Industriegebäude. Gastpiloten sollten auf leichte Turbulenzen achten."
Am Clubheim braten freundliche Herren in der Sonne, es gibt Kaffee und Kuchen. Jetzt, zur Siesta-Zeit, schrabbeln nur noch ein paar UL-Tragschrauber durch die Hitze.
Der Vereinsvorsitzende Jürgen Houcken (62) führt uns ins schattige Büro, wo Klemens Wirries gerade die Flugdaten in den Club-PC tippt. "Hier wird gerade automatisch eine Rechnung erzeugt", schmunzelt Houcken. Neugierig mustere ich die Eingabefelder auf dem Schirm; sie wirken übersichtlich wie bei einem Online-Shop. "Software aus Hildesheim", meint Houcken stolz. Zwei seiner Vereinspiloten haben das Programm Aircraft Info Desk entwickelt, das die Buchung und Verwaltung von Flugzeugen ermöglicht. "Seit über fünf Jahren sind wir mit unseren Internet-Buchungssystemen sehr erfolgreich", freut sich auch Ingo Battis, einer der beiden Schöpfer. "Am PC kann man zuhause die ganze Flotte abrufen: Verfügbarkeit der Flugzeuge, Mängellisten, Reststunden bis zur nächsten Kontrolle, Online-Bordbuch." Per e-Mail und SMS wird der Wunschflieger klargemeldet. Das Programm erkennt sogar den Lizenzablauf. "Ohne gültigen Schein ist der Teilnehmer automatisch aus dem Rennen", grinst Houcken. "Das System überzeugt auch Skeptiker im Verein." Damit sind eingeschworene JAR-FCL-Gegner und Computerhasser gemeint.
Vor einiger Zeit wurde der Hildesheimer Verein mit dem Hannoveraner Club zusammengelegt, weil Kleinflugzeuge auf dem grossen Nachbar-Airport nicht so gern gesehen waren. "Das hat sich allerdings um 180 Grad geändert", betont Jürgen Houcken. Jedenfalls klappte die Schaffung des 450-Mitglieder-Grossclubs ohne Schrammen. Houcken freut sich auf die Zukunft: "Die Strippen für Nachtflugbefeuerung liegen schon, vielleicht bekommen wir auch mal einen GPS-Anflug." Mehr wollen die Hildesheimer gar nicht, schliesslich ist der Hannover Airport gleich um die Ecke.
Eines haben sie bewiesen: wie man aus einem alten Fliegerhorst einen schmucken Zivilplatz macht, bevor die wertvolle Bausubstanz wegbröselt und Bagger die Runway umpflügen. Mir wärmt es das Herz, denn wie Klemens Wirries flog ich mal beim Bund und bin in Hildesheim geboren.
Wirries blickt nachdenklich einem startenden Ultraleicht-Zwerg nach. "Meine Flugzeuge werden immer kleiner", murmelt er. "vom Luftwaffenhubschrauber über die Echo-Flieger zu so einem Jogurtbecher." Gerade will ich zum Trost ein Plädoyer für Kleinflugzeuge halten, als mein Nachbar mich schelmisch von der Seite anschaut. "Ist doch egal, die Grösse", meint er, und alles nickt. "Hauptsache, in der Luft."
mit freundlicher Genehmigung von
© Herrn Rolf Stünkel (Text und Fotos)
sowie der Redaktion des Fliegermagazin